Ist Gott vielleicht in Äthiopien? Reisenotizen eines Ungläubigen.

Ich war in Äthiopien und hatte zufällig meine Kamera dabei. Das Ergebnis lief auf ARDalpha. Halbe Stunde. Volle Bildungs-Dröhnung. Es geht übrigens um Gott und die Felsenkirchen von Lalibela. Noch nie davon gehört? Dann lasst euch erleuchten.

Kamera, Schnitt, everthing else: Ich.
Ergo: Ich bin stolz wie eine Leberwurst dass das Ding in der Flimmerkiste war. Und ich glaube, dass es ganz nett geworden ist.

‪#‎amen‬

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2015

2015 was an amazing year. Thanks to everyone who made it so special.

Countries: Germany, Austria, Tanzania, Ethiopia, Thailand, USA, Great Britain, South Africa, Japan, South Korea and at least one step in North Korea.

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Korea: Grenze.

Diese beiden Herren sehen sich jeden Tag auf der Arbeit und kennen sich nicht. Das ist doppelt seltsam, weil sie sich ständig anstarren. Jeden Tag starren sie. Seit Jahrzehnten. Sie kennen sich nicht, obwohl beide Koreaner sind.

Ich habe viele Grenzen überquert. An dieser bin ich gescheitert. Genauso wie 24 Millionen Koreaner im Norden und 50 Millionen im Süden hier nicht weiter dürfen.

Es ist eine schwachsinnige Grenze mitten durch ein Volk, das eigentlich zusammengehört. Und sie ist gesichert mit unzähligen Soldaten und Millionen Landminen. 

Es ist nicht lange her, dass in meinem Land ein kleines Wunder geschehen ist, weil sich ein dickbäuchiger Funktionär auf einer Pressekonferenz verplappert hat. Kurz darauf verschwanden eine Mauer, eine Grenze und Millionen Landminen. Hoffentlich ist es bald auch hier soweit.

Grenze. Nordkorea. Südkorea.

Grenze. Nordkorea. Südkorea.

These two guys work at the same place. They see each other everyday. And all they do is stare at each other. In fact, they’ve been staring at each other for decades. And I’m pretty sure they have never had a beer together.

In my life I crossed many borders. I failed at this one. Just like 24 Million people in the north and 50 million people in the south of a country that calls itself Korea would fail here.

Unnumbered soldiers and millions of landmines protect a border that separates one people. This is a lunatic example for what can happen when people don’t talk, but stare at each other.

It’s not long ago that my country had its little miracle. A fat official at a press conference said one sentence he wasn’t supposed to say. Shortly after that a border, a wall and millions of landmines disappeared. Let’s hope this will happen to Korea one day.

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2014

…war ein gar nicht mal so schlechtes Jahr.

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Kenia: MUZUNGU!HIHOWAREYOU?IAMFINE!

Ich habe mich damit abgefunden ein Fremdkörper zu sein. Umgehen kann ich damit trotzdem nicht. 

2013-12-03 11.08.34

„Let’s avoid traffic“

Stan will den Stau umfahren.Dreißig knietiefe Schlaglöcher später steht unser Kleinbus eingekeilt zwischen Rikscha-Guys, Matatus und Ständen mitten auf dem Gikomba Market. Es heißt, es sei der größte Markt in Afrika. Ich glaube er ist größer. „We avoided traffic!“, sagt Stan triumphierend und kriecht 20 Zentimeter weiter. Dann wird es still. Zu still. Stan fummelt hektisch am Zündschloss. Tot. Unser Nissan hat sich soeben verabschiedet.

Eine super Stelle um liegen zu bleiben. „You have to push it!“, ruft Stan. Ich atme tief durch und will die Tür öffnen. „Wait!“. Kein Saft in der Batterie. Die Zentralverriegelung funktioniert nicht mehr. „You can’t push it!“. Auf der Rückbank liegen zwei Fernsehkameras und viele andere Sachen, für die man in Nairobi gerne mal einen K.O. Schlag kassiert. Ich bleibe also im Wagen. Lenny muss schieben.

2013-12-03 14.52.00

Stau. Nairobi-Edition.

Ein halbtoter, fast beulenfreier Kleinbus: Business für etwa 20 selbsternannte Mechaniker, die gerade um uns herumwuseln. Kann man ihnen nicht verübeln. Das Auto wackelt, bewegt sich aber kaum. „You’re too heavy!“ brüllt es vom Fahrersitz. Ich steige zum Schieben aus. Und auf einmal ist das Auto ziemlich uninteressant.

Es gibt gewisse Dinge, die der „Muzungu“ nicht macht. Laufen zum Beispiel. Ich bin aber trotzdem in der Lage zwei Kilometer zu Fuß zurückzulegen. Das muss ich aber jeden Morgen etwa 20 Taxis, Motorrädern und Matatus erklären. Geschenkt. Fragen kostet ja nix. Aber das Antworten strengt an.

Ebenso ungewöhnlich ist unsere mittelschwere Katastrophe vorm Gikomba Market: Ein liegengebliebenes Auto multipliziert mit Filmteam potenziert mit diesem bleichen Kerl, der da gerade aus dem Auto hüpft. Und dann, OMG, hat der auch noch blonde Haare. Da guckt der Kenianer nicht lang. Der brüllt direkt in allen Tonlagen Muzungu und fragt warum ich denn nicht getankt hätte.

Ich muss das dringend reflektieren – dieses „Weiß Sein“. Aber wie ich es auch drehe, ich finde keinen Zugang. Zumindest nicht ohne alle Nasen lang irgendein postkoloniales Gedankenverbrechen zu begehen.

Boulevard of first world problems.

Boulevard of first world problems.

Etwas, was der Muzungu auch nicht mehr oft macht ist Einkaufen. Seitdem im September ein paar islamistische Harros auf die Idee kamen in der Westgate Mall um sich zu schießen, hat sich so mancher Weißer noch ein paar Meter Stacheldraht gekauft und schickt jetzt seine Hausangestellten zum Einkaufen. Hinter hohen Mauern kann man dem Gras auch besser beim Wachsen zuschauen. Wobei: man sollte wissen, dass die Westgate Mall nicht gerade der Tengelmann von Nairobi war, sondern DER Treffpunkt für alles was sich hier UN, Expat, Diplomat oder sonstwie schimpft: Die reichen Ausländer eben.

Ich mag das nicht. Diese Straßen in denen sich goldene Käfige aneinanderreihen. Ich mag auch nicht, dass man mir verbieten will nach Einbruch der Dunkelheit zu Fuß zu gehen. Und ich mag erst recht nicht, dass Nairobi aus den Taxi-Tunneln besteht, in die man mich reinquatscht. Das ist doch ekelig! Da will man doch raus! Da macht man Dinge, die doch jeder macht. In die Innenstadt fahren zum Beispiel. Ist ja Sonntag. Nicht viel los. Das wird entspannt. Dass die Matatu-Insassen schlagartig verstummen, wenn ich einsteige – das kann ich ja noch ignorieren. Nicht aber die fünf Klebstoff-Kids, die drei Safari-Händler und die zwei „New Rafikis“ die mir seit zwei Straßen hinterherrennen. „Du bist stehen geblieben, was?“, wird man mich später fragen. Und ich werde dann antworten: „Natürlich! An der Ampel zum Beispiel“. Dann werde ich ein mitleidiges Lächeln kassieren.

Ja, ja, ich weiß schon, wie das geht. Nicht anhalten, nicht umschauen und um Himmels willen keine Fotos machen – vor allem nicht da, wo keine Kenyatta-Statue steht. Und Zack da ist es wieder. Dieses Geschmäckle. Dieser Reichtum den ich verteidigen muss. Der besteht bei meinem Trip durch die Innenstadt zwar ausschließlich aus einem Handy und umgerechnet 30 Euro, aber für die Leute, die mir gerade hinterherlaufen ist der entweder unendlich groß, oder sie vermuten an meinem Körper irgendwo eine Kreditkarte.

Ich möchte nichts verteidigen. Wozu? Ich konnte mir den Flug hier hin leisten. Da werden mir 20 Euro Taschendiebstahl nicht das Genick brechen. Und doch ist es unangenehm ständig und überall im Mittelpunkt zu stehen, sich dann mit einem „I work here“ zu rechtfertigen und sich danach selbst zu verfluchen, dass man das jetzt irgendwie voll doof fand.

Symbolbild: Glückliche afrikanische Kinder.  Bitte spenden Sie jetzt.

Symbolbild: Glückliche afrikanische Kinder.
Bitte spenden Sie jetzt.

„Avoid attention“, hat mir unser Producer irgendwann beigebracht und mir die VJ-Kamera aus der Hand genommen. Ich hielt daraufhin meinen Arm an seinen Arm und nörgelte „nice try…“. Kenianische Logik: Es ist nicht HIV, Klebstoff oder Chang’aa, das die Menschen hier umbringt. NEIN. Wenn, dann ist es zu kaltes Bier (kein Witz!) von dem man Halskrebs oder sonst eine Kehl-Krankheit bekommt und daran jämmerlich verreckt. Und demnach erregt auch der einzige Weiße im Umkreis von 30 Kilometern ohne diese Kamera in der Hand deutlich weniger Aufmerksamkeit. Der Schuhputzer neben mir hörte trotzdem nicht auf zu brüllen.

Irgendwo im Westen, in Gita – einem kleinen, wirklich verschlafenen Dorf in der Nähe von Kisumu – ist das Kuschel-Afrika. Da lächle ich freundlich bei dem ganzen „Muzunguheyhowareyouiamfine“ (gespr. wie’s da steht). Ist ja auch klar. Kommt ja auch aus den Mündern von Vierjährigen, die hinterher brav und gut gelaunt zum Abschied hinter dem Auto herrennen. Hach. Welch’ schöne dritte Welt. Da spendet man doch gern. Vor allem jetzt, wo ja bald Weihnachten ist.

2013-12-05 10.54.09

Kurbelte die Stacheldraht-Industrie an: Westgate Mall. (v.l.n.r) Einschusslöcher, Laterne, Name der Mall, Einschusslöcher.

„MUZUNGU!“. Ich reagiere nicht mehr. Ich starre über fünf Mechaniker hinweg auf Stan, der mit einer Hand die Klebstoff-Kids vom Einsteigen ins Auto abhält und mit der anderen das Lenkrad dreht. Nach 30 Minuten haben wir die Karre an den Straßenrand bekommen und laden unser Equipment hektisch in ein Taxi um. „You should always be with me when i break down at places like this“, sagt Stan. „No one cares about the car!“.

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Israel: Trennungsschmerz

Als ich vor ein paar Tagen in ein Flugzeug nach Tel Aviv stieg, war ich dumm. Heute bin ich noch dümmer.

2013-11-20 15.32.16

Mauer. Israelische Seite.

Wir sitzen in einem Bus in Richtung Norden. Um uns herum viele Araber, die sich am Busbahnhof noch fast geprügelt hätten. Wir sind die einzigen Bleichgesichter weit und breit. „Die pendeln eben zur Arbeit“, sagt Max. Und fügt hinzu „Es gibt ja auch Leute, die zwischen Frankfurt und Mainz pendeln.“ Der Unterschied zwischen der Strecke Frankfurt-Mainz und Jerusalem-Rammallah ist allerdings eine 6 Meter hohe Mauer auf halber Strecke.

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Die Mauer-Industrie boomt hier seit Jahrtausenden.

Diese Mauer. Sie mag sinnvoll sein. Sie hält schon eine Weile recht zuverlässig islamistische Terroristen davon ab, in Tel Aviv Busse in die Luft zu jagen. Illegal kann praktisch niemand die Grenze überqueren. Dennoch ist sie erdrückend. Die Mauer ist wie ein Distopia – nicht unbedingt orwellisch, aber schon Vin-Diesel-„Die Zukunft wird schlimm“-Film-mäßig. Neben mir könnte Vin sitzen. Er muss gerade irgendein Mädchen von A nach B bringen und damit die Menschheit retten. Dummerweise würde Vin zu spät kommen, weil der Bus für die gerade einmal 14 Kilometer mehr als 1 ½ Stunden braucht und unterwegs unzählige Male kontrolliert wird. Uns beiden schenken die Soldaten aber kaum einen Blick. Racial Profiling nennt man das. Wir fallen durchs Raster. Deutsche tun hier wohl keinem mehr weh.

Das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern ist aus historischen Gründen nicht unbedingt das Beste. Beide leben irgendwie in der Heimat des jeweils anderen, und wollen unterschiedliche und dann doch gleiche Götter auf unterschiedliche Weise anbeten. Das ist knifflig, aber irgendwie lösbar: Mit einer Mauer zum Beispiel (Achtung, Ironie).

Dennoch beschlich mich oft das Gefühl, dass man hier doch miteinander auskommen könnte – vorausgesetzt man würde hin und wieder miteinander reden. Doch dann bemerkt man, dass der Konflikt überall steckt: In Ampelschaltungen, in der penetranten Anwesenheit von Sturmgewehren und in der Kaffee-Bestellung. Kein Witz: Im jüdischen Teil der Stadt ist es ziemlich schwierig einen „arabic coffee“ zu bestellen.

Ich weiß, dass der Nahostkonflikt nicht nur aus Schwarz und Weiß besteht. Man muss nur von Zeit zu Zeit den Fernseher einschalten um zu wissen, dass es auch einige Graustufen gibt. Aber allein auf jüdischer Seite sind es unzählige Graustufen – und jede hält sich für eine Vollfarbe. Ich habe irgendwann den Überblick verloren nach all den „die Gruppe mag die nicht und die mögen die nicht und die sind grad sauer auf die, weil…“-Erklärungsversuche. Kein Mensch kommt da mit. Was ich mitgenommen habe: Orthodoxe sind in der Regel ein wenig kompliziert, aber längst nicht alle gleich. Und Nationalisten kommen auf ausgefallene Methoden das Zusammenleben zu organisieren: Mauern bauen zum Beispiel. Da hat man in diesem Land eine lange Tradition. Trennen ist so etwas wie das oberste Ziel. So kommen auch zwei verschiedene Bus-Systeme zustande, ein arabisches und ein israelisches – auch wenn beide die selben Haltestellen anfahren.

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Mauer mit Mauer: Trennung zwischen Mann und Frau an der Klagemauer.

Das macht alles ein bisschen ironisch, denn bei der ganzen Trennerei entstehen unzählige und vollkommen autarke Parallelgesellschaften. Manche sind sogar so abgeschottet, dass sie „neues Blut“ ganz gut gebrauchen könnten, wenn man sich den Nachwuchs anschaut. Den kann man sich anschauen, wenn man auf den richtigen Straßen unterwegs ist – zumindest wenn man wie wir ein bisschen über den Dingen schwebt. Als Araber sollte man einen Spaziergang durch das orthodoxe Viertel  tunlichst vermeiden.

Kein Mensch versteht in diesem Land Ironie. Das ist Schade. Und so wird dem israelischen Humor wohl auch ewig die epische Szene aus unserem Bus nach Tel Aviv verwehrt bleiben. Ein junges Mädchen saß da. 17, vielleicht 18. Schwarze Haare, Dutt. In ihrer Hand hatte sie ihr Iphone mit einer pinken „Hello-Kitty“-Hülle. Damit war sie auf Facebook und Instagram unterwegs und hat den ein oder anderen Selfie geliked. Hey! Alles normal! Aber das M16 Sturmgewehr auf ihrem Schoß hat mich dann doch ein wenig irritiert. (Kontext: Wehrdienstleistende nehmen ihre Knarre mit nach Hause.)

Wir müssen aufstehen, aufeinander zugehen.

Wir müssen aufstehen, aufeinander zugehen.

Das kann jetzt diverse Fragen und Diskussionen nach sich ziehen: Ob es überhaupt erwähnenswert ist, dass das junge Mädchen ein vermeintlich stereotypes, weibliches Verhalten an den Tag legt und ich mich damit zu einem „white male supremacist“ mache zum Beispiel. Viel lieber würde ich aber den Kopf darüber schütteln, warum die Grenze einer der instabilsten Region der Welt von 17-jährigen Kids verteidigt wird. Und vielleicht können wir danach auch noch die Frage stellen, ob diese Kids dazu in der Lage sind, ihre Privatsphäre-Einstellungen auf Facebook auf die Reihe zu kriegen.

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Unsere „Nordkorea-Dudes“.

In diesem Moment sitze ich übrigens auf Platz 22F nach Istanbul und ich bin meinen Bekanntschaften der letzten Tage immer noch dankbar, dass sie mich mit einem solchen Nachdruck fünf Stunden im Voraus zum Flughafen gejagt haben (Kopf…). Ich habe ja schon viele paranoide Menschen getroffen, aber Mitarbeiter am Ben Gurion International Airport sind noch mal eine andere Liga. Ich bin der Meinung, dass dieser Flughafen nicht arbeitsfähig ist: Ich durfte 11 (!) Mal meinen Pass zeigen und so schöne Fragen beantworten wie „What did you do in Dubai? Do you know someone there?“. Letztere Information wollte eine Sicherheitsbeamte in der Schlange vom Check-In aus mir herauskitzeln, nachdem sie jede (!) einzelne (!) Seite (!) meines Passes durchgecheckt hatte und den Einreisestempel der Emirate gesehen hatte. „It’s a nice city“, habe ich geantwortet. „Have you been there?“. Sie sah nach meiner Antwort aus wie Grumpy Cat. Ironie versteht hier halt echt keine Sau…

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„Frauentausch mit Zschäpe, oder was?“

Anstatt sich (berechtigt) über den dubiosen Vergabeprozess der Sitze zu beschweren, stellen Medienmacher lieber die journalistische Integrität ihrer Kollegen in Frage. Hier eine Sammlung von Kollegen-Bashings und mein Senf dazu.

„Was machen diese Medien überhaupt in der Verlosung?“, fragt ein Nutzer in einer Facebook-Diskussion, der übrigens Journalist ist. Ja. Wie können sie es nur wagen, diese niederen Schreiberlinge, sich bei einem offenen Akkreditierungsverfahren zu bewerben. In den Qualitätskeller hätten sie sich einsperren und den Schlüssel dann verschlucken sollen. Welt-Chef Jan-Eric Peters drückt es ein bisschen netter aus, der Tenor ist aber ähnlich: „Der wichtigste Prozess in diesem Jahr in Deutschland, und die drei großen überregionalen Qualitätszeitungen des Landes sind anders als etwa das Anzeigenblatt ‚Hallo München‘ ausgeschlossen – das ist doch absurd. Wir prüfen eine Klage.“ Es ist durchaus berechtigt, die Frage zu stellen, warum die Welt keinen Platz bekommen hat – Diese Frage mit dem Platz eines anderen Mediums zu begründen weniger.

Ein anderer Journalist schreibt auf Twitter: „Kommt jetzt Frauentausch mit Zschäpe, oder wie?“. Erstens: RTL2 produziert Frauentausch nicht selbst, sondern kauft es bei Produktionsfirmen wie Prisma. Eine Akkreditierung des Senders hat also nichts mit den Geißens und ebenso wenig mit dem Dschungelcamp zu tun (Welches übrigens auf RTL läuft, wenn ich mir den Hinweis erlauben darf). Und für die ARD sitzt ja auch nicht Florian Silbereisen im Gerichtssaal. Zweitens: Auch RTL2 hat Nachrichten und Reportageformate. Die Themensetzung ist diskutabel, aber solange diese journalistisch korrekt aufbereitet werden, besteht kein Grund die Integrität der dort arbeitenden Kollegen in Frage zu stellen. Schließlich ist auch ein Magazin MIT Akkreditierung auf einen Herren wie Tom Kummer rein gefallen. No offense…

Wer Journalist ist und wer nicht definiert sich über seine Arbeitsweise und nicht über die Finanzierungsmethode seines Mediums. Auch in Anzeigenblättern ist so etwas möglich. Und in einem Paralleluniversum beschwert sich gerade ein Ressortleiter in einer Talk-Runde, dass wieder „nur die Qualitätsmedien eine vernünftige Berichterstattung über den NSU-Prozess geliefert hätten.“ In diesem Paralleluniversum hatten alle Nicht-Qualitätsmedien (mein Vorschlag für das Unwort des Jahres) keinen Platz im Saal bekommen und mussten ihre Beiträge ausschließlich mit Agenturmaterial bestücken.

Seit ein paar Stunden macht auch ein Artikel auf Brigitte.de die Runde. Darin wird Anja Sturm portraitiert, die Anwältin von Beate Zschäpe. Viel diskutiert ist folgendes Zitat: „Sie trägt hochhackige Schuhe zum schwarzen Designerkostüm, die Lippen knallrot, die blonden Haare kurz.“ Ein astreine Bananenflanke für selbsternannte Qualitätsjournalisten: Natürlich bezieht sich die Brigitte wieder mal nur auf oberflächlichen Beauty-Kram. Da muss man den Rest des Dreiseiters gar nicht mehr lesen. Schade. Denn dort finden sich auch Sätze wie: „Die Frage, ob ein Mandant schuldig ist oder nicht, ist für jeden Verteidiger, der seine Sache gut machen will, völlig irrelevant. Es geht nur darum, die Rechte des Angeklagten gut wahrzunehmen.“
Das Schlagwort „Schuhe“ im Texteinstieg wird nur allzu schnell zu „Frauenmagazin“, dann zu „Brigitte“ und schließlich zu „kein Plan von nichts“.
Punkt 1: Liebe Kollegen, habt Ihr noch nie das Auftreten einer Person in einer Reportage beschrieben? Wenn die Lippen rot sind, sind sie rot. Wenn die Schuhe klappern, dann klappern sie. Und sie klappern in der Brigitte genau so laut wie in der SZ oder dem Spiegel. Ich empfehle dazu dieses Spielchen von Stefan Niggemeier.
Punkt 2: Die Assoziation „weibliche Zielgruppe bedeutet dumme Inhalte“ ist sexistischer als alle FDP-Fraktionsvorsitzenden seit Ende des 2. Weltkrieges zusammen.
Punkt 3: Der Spiegel über Zschäpes Anwältin: „Blond, schick, charmant, impulsiv und rational … mit einem ansteckenden Lächeln im Gesicht…“ (Mit Dank an @astefanowitsch)

Nochmal: SZ, Welt, RTL, taz, FAZ und Landlust etc. BRAUCHEN einen Platz. Aber dafür muss nicht die Brigitte den Stuhl räumen, sondern die Pressearbeit des Oberlandesgericht besser werden.

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Die Jammerlappen.

Dieses Internet (Symbolbild)

Ich bin genervt. Sehr. Von meinem eigenen Berufsstand. Journalisten rennen lieber weg, als sich mit offensichtlichen Problemen auseinander zu setzen.

Alles geht den Bach herunter. Keine Sau kauft mehr Zeitungen. Im Radio wird nur noch Musik gehört. Das Fernsehen steckt voller Trash. Es gibt nur noch Online, Online, Online. Und die Bezahlung: Ein Graus. Ja. Dramatisch ist das. Ausbeutungsmaschine Journalismus. Wie soll das nur weiter gehen mit der schreibenden Zunft?

Ja, das frage ich mich auch. Ich habe aber keine Angst vor einem verblödeten Publikum, sondern vor engstirnigen Journalisten und Verlagsmenschen, die ihre (und damit auch meine) Branche an die Wand fahren. Denn anstatt sich mit dem Medienwandel auseinander zu setzen und die eigenen Softskills darauf auszurichten auch in Zukunft Geld zu verdienen, verkrümeln sich viele Journalisten in einen Jammer-Kokon: „Fotos macht der Fotograf. Ich hab davon keine Ahnung“, „Ach, online werden sowieso nur Titten geklickt“, „Wir müssen uns abgrenzen von den Bloggern. Durch Qualitätssiegel oder so etwas“. Vor allem Printkollegen sind in dieser Disziplin weltklasse.

Und dann entlässt die WAZ erneut Redakteure und schon geht das journalistische Abendland mal wieder unter. Nein, ein Konzern mit Millionengewinnen sollte keine Journalisten entlassen. Keine Frage. Ich mache mir nur Sorgen um viele Redakteure, die ihr Leben lang nichts anderes als Zeitung gemacht haben und es nicht für nötig hielten, sich mit Kameras, Internet und Blogs auseinander zu setzen. Die haben jetzt ein Problem.

Gut. Das ist die ältere Generation, mag man meinen. Journalisten, die in den 70er, 80er und 90ern schon mit dabei waren. Solche, die mit der Rückendeckung einer Millionenauflage schon um zwei Uhr Feierabend machen konnten. Verständlich, dass ein 60-jähriger Lokalreporter in seinen letzten Berufsjahren keine Lust mehr auf dieses Internet hat. Vorher ging es ja auch ohne. Erschreckend finde ich aber, dass viele Nachwuchsjournalisten den älteren Kollegen darin nicht nachstehen. Hitzig wird in Raucherpausen unter Volontären und Praktikanten darüber diskutiert, dass kein Leser, Hörer oder Zuschauer noch Bock auf Qualität hat. RTL sei Schuld. Und, ja, dieses Internet eben. Aber sie wollen schreiben, mehr nicht. Kamera? Mikrofon? Crossmedia? Kein Interesse. Computer stürzen ja sowieso ständig ab (get a mac!).

Kommunikation ist unser Job. Warum in aller Welt versperren wir uns gegen Dinge, die zusätzliche Kommunikation ermöglichen? Weil wir gerne allein gatekeepen wollen? Ganz ehrlich: „An dem Gartentor, das der Journalist einst bewachte, kann ich heute links und rechts vorbei gehen.“ (Guido Baumhauer, Deutsche Welle, Leiter Distribution). Dieses Nörgel-Mindset, diese Angst vor crossmedialem Zeug gipfelt sogar in Spiegel Titelgeschichten, welche die ultimative Vernetzung verteufeln. Überall erreichbar sein. Ständig auf Abruf. Generation Praktikum. Fürchterlich. Bei meinem Vater bin ich solche Skepsis gewohnt – aber er ist Lehrer, kein Journalist.

Ich bin der Überzeugung, dass all die Hasstiraden von Journalisten gegen Smartphones, User Generated Content, Youtube (die Liste lässt sich ewig fortführen) vor allem eins zeigen: Angst. Angst davor, eine Entwicklung verschlafen zu haben und jetzt ohne Skills und Lösung dazustehen. Verlage organisieren in solchen Situationen gerne eine Fortbildung. Dann wird ein junger Typ eingeladen, der den Reportern mal schnell das Internet erklärt. Nach zwei Stunden kommen die Redakteure verwirrt und genervt wieder aus dem Konferenzraum und machen genau das, was sie vorher gemacht haben: Zeitung. Naja, wird hoffentlich wieder vorbei gehen, dieser digitale Quatsch. Das dachte sich auch schon die Musikindustrie vor zehn Jahren.

Eierlegende Wollmilchsau (Symbolbild)

Das Geschrei ist aber groß, wenn Menschen in die Redaktion stoßen, für die Internet so etwas wie Sauerstoff ist. Ich werde nie die Augen eines Redaktionsleiters vergessen, als ich erzählte, dass ich auf dem Termin noch ein Video für Online gedreht habe. Staunen, Stille, zwei Klicks im DPA-Ticker und dann: „Naja, mal schauen, ob der Artikel überhaupt online kommt.“

Es gibt sie nämlich, diese jungen Leute, die das Chaos als Chance verstehen. Solche, die sich ausprobieren, auf die Nase legen aber auf lange Sicht Erfolg haben werden. Solche die wissen, dass sich Journalisten in Zukunft mit allen Distributionswegen auskennen sollten. Ob ich so einer bin? Keine Ahnung. Aber zumindest habe ich keine Angst vorm Scheitern. Aber einer der so jemand ist, Richard Gutjahr, schreibt: „Schreiben, Filmen, Fotografieren, Photoshop, Video-Editing, Coden, das Erstellen von Info-Grafiken, plus Erfahrung mit Sozialen Netzwerken, das ist es, was sich moderne Blatt- und Programmmacher wirklich von ihren Reportern und Redakteuren wünschen.“ Word.

Diese Crossmedia-Mädels und Crossmedia-Jungs sind für viele alteingesessene Redakteure eine Horde Antichristen. Denn sie ersetzen nicht nur einen Job, sondern in Einzelfällen gleich drei: Journalist, Fotograf, Kameramann. Die Konsequenz vieler Medienschaffender ist eine Verteidigungshaltung: Im Großen gibt’s die bei Verlagen (Leistungsschutzrecht) und im Kleinen bei Kollegen-Sticheleien („Hast Du schon mal ein Interview geführt?“).

Noch mal: Es ist scheisse, wenn Jobs wegfallen. Trotzdem muss man sich drauf einstellen, dass der Journalismus von damals nicht der von heute ist und auch nicht künstlich am Leben zu erhalten ist. Oder um es in den Worten meines alten Chefs zu sagen: „Es wird immer Leute geben, die von unten pissen und solche, die wissen, wie es gemacht wird.“

tl;dr: Schreib Dich nicht ab, lern Googlen.

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Falsche Gebote. So nicht, Kissler!

Cicero-Autor Alexander Kissler stellt treffend fest, dass die Medien in der Krise stecken. Er will sie retten. Und zwar mit sechs Geboten für besseren Journalismus. Ich widerspreche ihm. Vehement.

Punkt 1: Was ist falsch am Werkzeugkasten?

Kissler schreibt: „Viele Menschen werden in audiovisuellen Medien zum bloßen Augenfutter, zur Gefühlsattrappe oder gar zum derb vorgeführten „Ekelpaket“. Damit spielt er vermutlich auf RTL-Prime-Time-Sendungen an. Aber was haben diese Formate mit Journalismus zu tun? Und was suchen sie in diesen Geboten?
Was den Journalismus angeht, übertreibt Kissler maßlos. Menschen sind nun mal an Menschen interessiert. Das ist die Essenz unserer Gesellschaft. Menschen, die nicht an anderen Menschen interessiert sind, gelten nicht ohne Grund als krank. Man nennt sie Autisten.
Ich stimme Herrn Kissler jedoch insofern zu, dass kein Mensch „reines Werkzeug zur Quotenmaximierung“ sein sollte. Aber was ist falsch an Straßenumfragen? Sie zeigen eben was NICHT-Journalisten über bestimmte Sachverhalte denken. Und da der Autor selbst in Punkt 5 ausführt, dass Redaktionen sich „zu geschlossenen Soziotopen entwickelt“ haben, tut das der Berichterstattung durchaus mal gut.

Punkt 2: Verkündermaske

Kissler schreibt: „Nicht alles, was geschieht, drängt zur sofortigen Kommentierung, noch dazu im falschen Gewand des Berichtes.“
Ich bin d’accord. Auch wenn ich differenzieren würde. In der Tagesschau würde mich der erwähnte „erzkonservative Hardliner“ ebenfalls stören. In der „heute“-Sendung weniger. Ich schalte die Tagesschau ein, weil sie mir einen Überblick verschafft. Und „heute“, weil es mir Orientierung bietet. Meinung ist okay. Solange sie als solche zu erkennen ist.

Punkt 3: Egoprobleme

Kissler schreibt: „Unter dem Druck der Netzwerke und des Sofortjournalismus aber spreizt sich mancher Autor größer, als es ihm und der Wahrheit gut tut.“
Korrekt, Kissler. Wenn da nur nicht wieder dieser äußerst menschliche Drang nach Orientierung wäre. Wir hören lauten Menschen eben eher zu, als schüchternen. Wichtig ist eher deren Integrität und Glaubwürdigkeit, als deren Ego.

Punkt 4: User Generated Content

Kissler schreibt: „Internetfilmchen mit brennenden Häusern und schreienden Menschen sind aber lediglich Authentizitätsjetons, deren Wahrheitsgehalt umstritten ist.“
Hier stellen sich mir als Nachwuchsjournalist die nicht vorhandenen Barthaare zu Berge. Die Tagesschau hat nicht überall auf der Welt Korrespondenten. Das ist Fakt. Das geschieht aus Kostengründen, oder eben auch aus Vorsicht. Syrien ist eben im Moment ein ziemlich heißes Pflaster.
Aber Menschen, seien sie auch noch so arm, haben mittlerweile Smartphones und Internet. Youtube und Twitter sind das größte Geschenk, was der Nachrichtenjournalismus in den letzten Jahren bekommen konnte. Warum sollte so etwas verteufelt werden? Eine Syrienberichterstattung ohne Youtube-Clips würde sehr schnell zur Verlautbarungsmaschine für das Assad-Regime mutieren.
Ja, Herr Kissler, es ist schwer, die Authentizität der Videos zu verifizieren. Aber unterschätzen sie nicht ihre Kollegen. Mitarbeiter der „Grotte“ beim ZDF kennen jeden Straßenzug in Homs auswendig – auch wenn sie selbst noch nie da waren. In dieser Hinsicht habe ich großes Vertrauen in die Kollegen, dass sie alles daran setzen, nicht auf Fälschungen reinzufallen.
Nichtsdestotrotz: Es ist absolut nichts Schlimmes daran zuzugeben, dass der Wahrheitsgehalt nicht 100%ig zu überprüfen war. 95% reichen aus. Es ist eine Nachricht. Nachrichten sind wichtig. Das hat etwas mit offener und fließender Recherche zu tun. Journalisten, die sich gegen die Falsifizierung und Verifizierung der eigenen Arbeit durch das Publikum stellen, haben nicht bemerkt, in welchem Zeitalter wir leben.

Punkt 5: Biotope

Kissler schreibt: „Viele Redaktionen haben sich zu geschlossenen Soziotopen entwickelt. Man schreibt eher für die Kollegen als für die Leser, weil man auf Kollegenlob aus ist.“
Ja. Zustimmung. Aber dank diesem Internet ist der Rückkanal schneller geworden. Lesermeinung wird wichtiger. An den Biotopen wird sich etwas ändern. Bald schon.

Punkt 6: Erwachsen werden

Kissler beschreibt eine „flächendeckende Infantilisierung“ und führt das Beispiel einer Kuh im „heute journal“ des ZDFs an, welche die Finanztransaktionssteuer erläutern sollte.
Was ist falsch an dieser Kuh? Was ist falsch am einfachen Erklären? Ist es nicht die große Kunst des Journalismus komplexe Sachverhalte einfach zu erklären? Jeden Tag zerbrechen sich Redaktionen in dieser Republik den Kopf darüber, wie sie Dinge einfach und verständlich erläutern können. Das ist richtig so. Denn vor allem das „heute journal“ ist immer noch ein Massen-Format. Und solange es ein Massen-Format und nicht der Harvard Business Manager ist, ist auch eine Kuh in Kombination mit der Finanztransaktionssteuer okay.
Solchen „kindlichen“ Stunts von Redaktionen sollte man eher dankbar sein, weil sie das Publikum für gewisse Themen sensibilisieren, aus denen sie sonst nach drei Sekunden aussteigen würden. Die Kombination aus „Finanztransaktionssteuer“ und einer schlecht gelaunten Angela Merkel im Bild wirkt nun mal abschreckend – egal wie sehr man sich dafür interessieren mag.
Ja, der ein oder andere Akademiker mag sich auf den Schlipps getreten fühlen. Aber solche „Kindereien verstoßen“ NICHT „gegen die Würde des Publikums.“ Die überwiegende Mehrheit wird sich freuen dieses fürchterliche Wort (Finanztransaktionssteuer) endlich mal verstanden zu haben. Ich stelle diese These auf, ohne sämtliche ZDF-Zuschauer nach ihrer Meinung zur besagten Kuh gefragt zu haben.

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Wikipedia. Liebe. Drama.

Eine Bank an einer Kreuzung Schwabing. Vier Jungs sitzen rauchend und schweigend nebeneinander. Neben uns: ein Bierkasten. Halbleer. Vor uns: die Straße, auf die wir starren. Alle fünf Minuten fährt ein Auto vorbei. „Soll ich mich jetzt da melden?“ fragt Mark*. „Auf keinen Fall!“, sagt Philipp*. Stille. Ein Flaschenverschluss öffnet sich mit einem lauten PLOPP.

Vor uns geht die Sonne hinter einem schicken Altbau unter. Was die da wohl für Mieten zahlen? „Ja, aber wenn das jetzt nichts wird, was mache ich dann mit den Konzertkarten?“, fragt Mark. „Scheiß auf die Konzert-Karten!“, sagt Philipp. PLOPP. Stille. „Und dieser Urlaub?“, fragt Mark. „Scheiß auf den Urlaub!“, sagt Philipp. Stille. Feuerzeug. Kippe. „Sei froh, Alter!“, sagt Philipp. „Meine Alte nervt mich mit Kindergesprächen und gemeinsamer Wohnung.“ Mark nimmt einen Schluck. Stille.

„Wir haben halt viel zusammen erlebt, gemacht und geplant. Das ist doch planlos, das jetzt über den Haufen zu schmeißen“, seufzt Mark. Philipp bleibt weise: „Das hat doch gar nichts damit zu tun!“. Er zieht an der Zigarette. „Es geht um euch beide und nicht irgendwelche beschissenen Karten, oder Urlaube oder…“.

„Halt’ den Wikipedia-Eintrag schlank!“, sage ich und bemerke, dass ich gerade etwas ziemlich intelligentes gesagt habe. Aus diesem Eintrag – wenn es ihn denn geben würde – zitiert Mark nämlich gerade. Er zählt Rahmendaten auf. Vielleicht, weil er das soziale Gefüge seiner Bindung für zu kompliziert hält. Dieser Eintrag „Mark in love with Moni“ kann für ihn gerade gar nicht lang genug sein.

Eine Beziehung besteht aus Liebe – im Idealfall zumindest. Aber er besteht auch aus Fakten. Fakten, welche diese Netzgemeinde in diesem Internet in diesen Artikel schreiben würde. Materielle Dinge wie das Teilen des iPhone-Aufladekabels und dem gemeinsamen Einkauf im Tengelmann stehen dort. Aber auch immaterielle Dinge wie „Lieblingsplatz“, „Jahrestag“ oder „erster Kuss“. Der „Mark in love with Moni“-Artikel hat gerade ein paar Zeilen dazu bekommen: „Krise im Sommer 2012“. Die Abschnittsüberschrift steht schon. Die Zeilen darunter füllen sich. Er will Nähe. Sie will weg. Lösung? Noch unklar.

Marks Eintrag ist aber verhältnismäßig kurz. Da habe ich schon krassere Beispiele erlebt. Im Zweifel sind es Druckmittel welche die Herzdame oder den Herzbuben binden sollen. Ein Beispiel: Das gemeinsame Konto. Der Endgegner: das „zufällige“ Kind. Sie lenken ab vom zwischenmenschlichen Klarkommen. Der andere kann doch gar nicht weglaufen. Da ist ja noch Dieses und Jenes…

Ja, gelegentlich entstehen die Zeilen im Wikipedia-Artikel aus praktischen Gründen. Die Miete ist teuer? Dann lass uns zusammen wohnen. Wir brauchen ein Auto? Ja, dann lass es uns gemeinsam kaufen. Wir zahlen zu viel Steuern? Dann lass uns eben heiraten. Nicht sonderlich romantisch, aber nachvollziehbar. Das Problem – wie immer ­– der Rattenschwanz.

Wir sind Jung. Wir sind sprunghaft. Wir probieren aus und treffen im Jahre 2012 eben mehr Mädchen als in der eigenen Straße des Dorfes leben. Beziehungen gehen in die Brüche. Und eh man sich versieht, fährt man noch Jahre nach der Beziehung mit einem „gemeinsamen“ Autokennzeichen durch die Gegend. Das ist ätzend. Das ist Gepäck.

„Was meinst Du mit „schlank halten“?“, fragt mich Mark. Und ich muss meinen hoffnungslosen Romantiker kurz in den Keller sperren: „Naja“, sage ich. „Kriegt euch doch erst mal selbst auf die Reihe.“ Eine Zigarette knistert. Stille. PLOPP.

Das Internet vergisst nichts. Der Mensch kann zumindest verdrängen. Darauf haben Beziehungspartner aber meistens keine Lust. Die wollen wissen, warum auf der Postbank-Karte in der Geldbörse nicht der eigene Name steht, und woher dieses komische Autokennzeichen kommt, das paradoxerweise die Anfangsbuchstaben der Ex-Beziehungspartner trägt und eine Jahreszahl dahinter. Schon mal versucht, ein Bild aus dem Netz zu löschen? Das ist mindestens genauso knifflig wie Beziehungsgepäck verschwinden zu lassen…

*Namen geändert (ist doch klar, oder?)

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