Wikipedia. Liebe. Drama.

Eine Bank an einer Kreuzung Schwabing. Vier Jungs sitzen rauchend und schweigend nebeneinander. Neben uns: ein Bierkasten. Halbleer. Vor uns: die Straße, auf die wir starren. Alle fünf Minuten fährt ein Auto vorbei. „Soll ich mich jetzt da melden?“ fragt Mark*. „Auf keinen Fall!“, sagt Philipp*. Stille. Ein Flaschenverschluss öffnet sich mit einem lauten PLOPP.

Vor uns geht die Sonne hinter einem schicken Altbau unter. Was die da wohl für Mieten zahlen? „Ja, aber wenn das jetzt nichts wird, was mache ich dann mit den Konzertkarten?“, fragt Mark. „Scheiß auf die Konzert-Karten!“, sagt Philipp. PLOPP. Stille. „Und dieser Urlaub?“, fragt Mark. „Scheiß auf den Urlaub!“, sagt Philipp. Stille. Feuerzeug. Kippe. „Sei froh, Alter!“, sagt Philipp. „Meine Alte nervt mich mit Kindergesprächen und gemeinsamer Wohnung.“ Mark nimmt einen Schluck. Stille.

„Wir haben halt viel zusammen erlebt, gemacht und geplant. Das ist doch planlos, das jetzt über den Haufen zu schmeißen“, seufzt Mark. Philipp bleibt weise: „Das hat doch gar nichts damit zu tun!“. Er zieht an der Zigarette. „Es geht um euch beide und nicht irgendwelche beschissenen Karten, oder Urlaube oder…“.

„Halt’ den Wikipedia-Eintrag schlank!“, sage ich und bemerke, dass ich gerade etwas ziemlich intelligentes gesagt habe. Aus diesem Eintrag – wenn es ihn denn geben würde – zitiert Mark nämlich gerade. Er zählt Rahmendaten auf. Vielleicht, weil er das soziale Gefüge seiner Bindung für zu kompliziert hält. Dieser Eintrag „Mark in love with Moni“ kann für ihn gerade gar nicht lang genug sein.

Eine Beziehung besteht aus Liebe – im Idealfall zumindest. Aber er besteht auch aus Fakten. Fakten, welche diese Netzgemeinde in diesem Internet in diesen Artikel schreiben würde. Materielle Dinge wie das Teilen des iPhone-Aufladekabels und dem gemeinsamen Einkauf im Tengelmann stehen dort. Aber auch immaterielle Dinge wie „Lieblingsplatz“, „Jahrestag“ oder „erster Kuss“. Der „Mark in love with Moni“-Artikel hat gerade ein paar Zeilen dazu bekommen: „Krise im Sommer 2012“. Die Abschnittsüberschrift steht schon. Die Zeilen darunter füllen sich. Er will Nähe. Sie will weg. Lösung? Noch unklar.

Marks Eintrag ist aber verhältnismäßig kurz. Da habe ich schon krassere Beispiele erlebt. Im Zweifel sind es Druckmittel welche die Herzdame oder den Herzbuben binden sollen. Ein Beispiel: Das gemeinsame Konto. Der Endgegner: das „zufällige“ Kind. Sie lenken ab vom zwischenmenschlichen Klarkommen. Der andere kann doch gar nicht weglaufen. Da ist ja noch Dieses und Jenes…

Ja, gelegentlich entstehen die Zeilen im Wikipedia-Artikel aus praktischen Gründen. Die Miete ist teuer? Dann lass uns zusammen wohnen. Wir brauchen ein Auto? Ja, dann lass es uns gemeinsam kaufen. Wir zahlen zu viel Steuern? Dann lass uns eben heiraten. Nicht sonderlich romantisch, aber nachvollziehbar. Das Problem – wie immer ­– der Rattenschwanz.

Wir sind Jung. Wir sind sprunghaft. Wir probieren aus und treffen im Jahre 2012 eben mehr Mädchen als in der eigenen Straße des Dorfes leben. Beziehungen gehen in die Brüche. Und eh man sich versieht, fährt man noch Jahre nach der Beziehung mit einem „gemeinsamen“ Autokennzeichen durch die Gegend. Das ist ätzend. Das ist Gepäck.

„Was meinst Du mit „schlank halten“?“, fragt mich Mark. Und ich muss meinen hoffnungslosen Romantiker kurz in den Keller sperren: „Naja“, sage ich. „Kriegt euch doch erst mal selbst auf die Reihe.“ Eine Zigarette knistert. Stille. PLOPP.

Das Internet vergisst nichts. Der Mensch kann zumindest verdrängen. Darauf haben Beziehungspartner aber meistens keine Lust. Die wollen wissen, warum auf der Postbank-Karte in der Geldbörse nicht der eigene Name steht, und woher dieses komische Autokennzeichen kommt, das paradoxerweise die Anfangsbuchstaben der Ex-Beziehungspartner trägt und eine Jahreszahl dahinter. Schon mal versucht, ein Bild aus dem Netz zu löschen? Das ist mindestens genauso knifflig wie Beziehungsgepäck verschwinden zu lassen…

*Namen geändert (ist doch klar, oder?)

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