London. Deutsch.

„Slug and Lettuce“ im Londonder Stadtteil Angel. Gerade ist die Fußball-Übertragung England – Montenegro zu Ende gegangen. Rooney hat die rote Karte gesehen. Endstand: 2:2. Eine Nation schämt sich in Grund und Boden. Das tut der Stimmung im Pub aber keinen Abbruch. Es ist schließlich die ganze Nacht Cocktail Happy Hour. „2-4-1“. Buy one get one free. Ziemlich selten sowas hier. Der DJ spielt „Where Dem Girls At“ und ich werde nörgelig. Denn trotz guter Song-Auswahl quäkt der Sound äußerst lasch aus den Boxen. Bässe wurden in dieser Stadt anscheinend wegrationalisiert. Naja, man muss ja für Olympia sparen. Das Gequieke von Nicki Minaj weicht schließlich einem sehr dünn gemischten „Party Rock Anthem“. Die überschaubare Tanzfläche schmeißt ihre Hände in die Luft. Ich suche verzweifelt nach dem Groove und nippe an meinem Drink.

„You’re German, right!?“. Ich werde aus meinem „Tennessee Twist“-Traum gerissen und schaue hoch. Vor mir steht Christian (gesprochen: „Krischtschn“) und streckt mir lächelnd seine Hand entgegen. Ich greife zu. Er bricht mir fast die Finger. Krischtschn hat pechschwarze Haut, ist knapp 1,65 groß und wiegt mindestens 140 Kilo. Muskelmasse. Typ: Maori-Rugby-Spieler aus Neuseeland – nur ohne Tattoos im Gesicht. „Hi! I’m Christian, and you?“, sagt er und zeigt mir sein schneeweißes Gebiss. „Tim!“, entgegne ich. Krischtschn zögert. „That doesn’t sound German at all…“. Ja, ach? Er hätte ja auch vorher mal nachfragen können, bevor er mit der Deutschland-Keule schwingt. Trotzdem: Er hat Recht. Leider.

Ich beschließe die Konversation für eine kleine Klischee Studie zu nutzen. Was mich denn so deutsch wirken lasse, frage ich ihn. „You’re dancing in circles!“, erklärt er. Ich ziehe die linke Augenbraue hoch. Kann mich nicht dran erinnern überhaupt in den letzten zwei Stunden das Tanzbein geschwungen zu haben. Wie auch? So ganz ohne Bässe.  Krischtschn streckt mir wieder seine Skipiste entgegen. „You know what?“, fragt er. „You’re not drinking. That makes you quite German as well.“ Verwirrung perfekt. Man sagt uns auf der Insel also nach, dass wir nichts trinken? Ich verneine energisch. Krischtschn ruft seinen Kumpel dazu. „How do you spot a German in a pub?“, ruft er ihm ins Ohr. „They don’t drink!“, brummt er zurück. „Never!“. Ich schaue verschämt in meine Hände. Ja, mein Cocktail ist gerade leer geworden. Na, und? Das bedeutet aber noch lange nicht, dass ich auf einmal Anti-Alkoholiker geworden bin. Mit Perlweiß-Lachen drückt mir Krischtschn ein Pint in die Hand. „Cheers!“.

„Don’t try to control everything! Just be yourself!“, doziert der knubbelige Muskelberg weiter und deutet an, dass ich jetzt einen großen Schluck Bier nehmen muss. Als ich absetze feuert er mich an: „Again!“. Das muss ich mir rot im Kalender anstreichen. Man unterstellt mir doch tatsächlich, dass ich ZU WENIG trinken würde. Krischtschn zeigt derweil, was er mit „be yourself“ meint und macht Kunststücke mit seiner rosaroten Zunge. „Am I supposed to join you?“, erkundige ich mich. Krischtschn winkt ab. „That’s myself. Do something which is yourself!“. Ich stelle das Pint weg und mache einen Hampelmann. Krischtschn ist amüsiert: „Much better!“.

Ich frage ihn, ob ich als Nicht-Deutscher durchgegangen wäre, wenn ich vorher mit einem Pint in der Hand einen Hampelmann („Hämpelmän“) gemacht hätte. Er muss mich enttäuschen: „Nope!“. Ich knirsche mit den Zähnen. Ja! Es nervt mich manchmal tierisch an, dass man überall auf der Welt meine blöde Nationalität erkennt! Unvergessen bleibt der chinesische Polizist, der mir ohne jegliche vorhergegangene Konversation euphorisch von seiner Liebe zu Borussia Dortmund erzählte. Er sei ja so neidisch auf mich, dass dieses tolle Team in meinem Land spielt.

Ich bin frustriert. „Is it my hair?“. „Nope!“. „Is it my jacket?“. „Nope!“. „Eyes?“. „Nope!“. „What else then?“, rufe ich ihm resigniert ins Ohr. Krischtschn: „You always stick to your own borders and boundaries.“ Aha. Stick to your borders also. Historisch gesehen ist die Aussage nicht sonderlich haltbar. Trotzdem vermeide ich die Diskussion über die beiden Weltkriege, die wir angezettelt haben. Das macht im Königreich einfach keinen Spaß. Trotzdem muss ich nachhaken: „Borders?“. Krischtschn setzt an: „Look at you and your girls here! You set up your homebase with all your stupid jackets, scarfs and handbags and all you do is protecting it! Why do you bring all that stuff?“ Ich schaue nach links. Recht hat er. Irgendwie. In dem Blumenkübel der Plastik-Pflanze stapeln sich unsere Handtaschen, Schals und Jacken. Und ja, wir halten uns in der Nähe dieses Textilberges auf. „It’s cold outside!“, versuche ich mich zu rechtfertigen. Krischtschn blendet mich wieder mit seinen Zähnen: „Why do you fucking care about that?“, lacht er. Ich gebe auf.

An der Theke haut der Bar-Chef auf eine überdimensionale Glocke. Letzte Runde. Der Laden ist rappelvoll. Diese verdammte Sperrstunde. Ich knurre in mich hinein. „That’s London!“, ruft Krischtschn und lacht. Zähne. „I’m sorry for being so German!“, sage ich zur Verabschiedung. „No apologies!“. Glück gehabt. Noch mehr Klischee-Dauerfeuer hätte ich nicht vertragen. Schon wieder Zähne. Er klopft mir auf den Rücken, als ich mich umdrehe und meiner Mädels-Truppe hinterher trotte. Morgen werde ich mir neue Zahnpasta kaufen. Bestimmt!

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Reise abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten auf London. Deutsch.

  1. Pingback: equipments

  2. Pingback: live adults cam

  3. Pingback: Shemale.uk - transsexual escorts london

  4. Timo König sagt:

    Solche Erfahrungen sind doch wirklich klasse. „Die Skipiste“ :DD, macht einen sehr aufmerksamen Eindruck, nette Geschichte!

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.