Israel: Trennungsschmerz

Als ich vor ein paar Tagen in ein Flugzeug nach Tel Aviv stieg, war ich dumm. Heute bin ich noch dümmer.

2013-11-20 15.32.16

Mauer. Israelische Seite.

Wir sitzen in einem Bus in Richtung Norden. Um uns herum viele Araber, die sich am Busbahnhof noch fast geprügelt hätten. Wir sind die einzigen Bleichgesichter weit und breit. „Die pendeln eben zur Arbeit“, sagt Max. Und fügt hinzu „Es gibt ja auch Leute, die zwischen Frankfurt und Mainz pendeln.“ Der Unterschied zwischen der Strecke Frankfurt-Mainz und Jerusalem-Rammallah ist allerdings eine 6 Meter hohe Mauer auf halber Strecke.

2013-11-19 12.37.09

Die Mauer-Industrie boomt hier seit Jahrtausenden.

Diese Mauer. Sie mag sinnvoll sein. Sie hält schon eine Weile recht zuverlässig islamistische Terroristen davon ab, in Tel Aviv Busse in die Luft zu jagen. Illegal kann praktisch niemand die Grenze überqueren. Dennoch ist sie erdrückend. Die Mauer ist wie ein Distopia – nicht unbedingt orwellisch, aber schon Vin-Diesel-„Die Zukunft wird schlimm“-Film-mäßig. Neben mir könnte Vin sitzen. Er muss gerade irgendein Mädchen von A nach B bringen und damit die Menschheit retten. Dummerweise würde Vin zu spät kommen, weil der Bus für die gerade einmal 14 Kilometer mehr als 1 ½ Stunden braucht und unterwegs unzählige Male kontrolliert wird. Uns beiden schenken die Soldaten aber kaum einen Blick. Racial Profiling nennt man das. Wir fallen durchs Raster. Deutsche tun hier wohl keinem mehr weh.

Das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern ist aus historischen Gründen nicht unbedingt das Beste. Beide leben irgendwie in der Heimat des jeweils anderen, und wollen unterschiedliche und dann doch gleiche Götter auf unterschiedliche Weise anbeten. Das ist knifflig, aber irgendwie lösbar: Mit einer Mauer zum Beispiel (Achtung, Ironie).

Dennoch beschlich mich oft das Gefühl, dass man hier doch miteinander auskommen könnte – vorausgesetzt man würde hin und wieder miteinander reden. Doch dann bemerkt man, dass der Konflikt überall steckt: In Ampelschaltungen, in der penetranten Anwesenheit von Sturmgewehren und in der Kaffee-Bestellung. Kein Witz: Im jüdischen Teil der Stadt ist es ziemlich schwierig einen „arabic coffee“ zu bestellen.

Ich weiß, dass der Nahostkonflikt nicht nur aus Schwarz und Weiß besteht. Man muss nur von Zeit zu Zeit den Fernseher einschalten um zu wissen, dass es auch einige Graustufen gibt. Aber allein auf jüdischer Seite sind es unzählige Graustufen – und jede hält sich für eine Vollfarbe. Ich habe irgendwann den Überblick verloren nach all den „die Gruppe mag die nicht und die mögen die nicht und die sind grad sauer auf die, weil…“-Erklärungsversuche. Kein Mensch kommt da mit. Was ich mitgenommen habe: Orthodoxe sind in der Regel ein wenig kompliziert, aber längst nicht alle gleich. Und Nationalisten kommen auf ausgefallene Methoden das Zusammenleben zu organisieren: Mauern bauen zum Beispiel. Da hat man in diesem Land eine lange Tradition. Trennen ist so etwas wie das oberste Ziel. So kommen auch zwei verschiedene Bus-Systeme zustande, ein arabisches und ein israelisches – auch wenn beide die selben Haltestellen anfahren.

2013-11-19 12.40.56

Mauer mit Mauer: Trennung zwischen Mann und Frau an der Klagemauer.

Das macht alles ein bisschen ironisch, denn bei der ganzen Trennerei entstehen unzählige und vollkommen autarke Parallelgesellschaften. Manche sind sogar so abgeschottet, dass sie „neues Blut“ ganz gut gebrauchen könnten, wenn man sich den Nachwuchs anschaut. Den kann man sich anschauen, wenn man auf den richtigen Straßen unterwegs ist – zumindest wenn man wie wir ein bisschen über den Dingen schwebt. Als Araber sollte man einen Spaziergang durch das orthodoxe Viertel  tunlichst vermeiden.

Kein Mensch versteht in diesem Land Ironie. Das ist Schade. Und so wird dem israelischen Humor wohl auch ewig die epische Szene aus unserem Bus nach Tel Aviv verwehrt bleiben. Ein junges Mädchen saß da. 17, vielleicht 18. Schwarze Haare, Dutt. In ihrer Hand hatte sie ihr Iphone mit einer pinken „Hello-Kitty“-Hülle. Damit war sie auf Facebook und Instagram unterwegs und hat den ein oder anderen Selfie geliked. Hey! Alles normal! Aber das M16 Sturmgewehr auf ihrem Schoß hat mich dann doch ein wenig irritiert. (Kontext: Wehrdienstleistende nehmen ihre Knarre mit nach Hause.)

Wir müssen aufstehen, aufeinander zugehen.

Wir müssen aufstehen, aufeinander zugehen.

Das kann jetzt diverse Fragen und Diskussionen nach sich ziehen: Ob es überhaupt erwähnenswert ist, dass das junge Mädchen ein vermeintlich stereotypes, weibliches Verhalten an den Tag legt und ich mich damit zu einem „white male supremacist“ mache zum Beispiel. Viel lieber würde ich aber den Kopf darüber schütteln, warum die Grenze einer der instabilsten Region der Welt von 17-jährigen Kids verteidigt wird. Und vielleicht können wir danach auch noch die Frage stellen, ob diese Kids dazu in der Lage sind, ihre Privatsphäre-Einstellungen auf Facebook auf die Reihe zu kriegen.

_TIM8626

Unsere „Nordkorea-Dudes“.

In diesem Moment sitze ich übrigens auf Platz 22F nach Istanbul und ich bin meinen Bekanntschaften der letzten Tage immer noch dankbar, dass sie mich mit einem solchen Nachdruck fünf Stunden im Voraus zum Flughafen gejagt haben (Kopf…). Ich habe ja schon viele paranoide Menschen getroffen, aber Mitarbeiter am Ben Gurion International Airport sind noch mal eine andere Liga. Ich bin der Meinung, dass dieser Flughafen nicht arbeitsfähig ist: Ich durfte 11 (!) Mal meinen Pass zeigen und so schöne Fragen beantworten wie „What did you do in Dubai? Do you know someone there?“. Letztere Information wollte eine Sicherheitsbeamte in der Schlange vom Check-In aus mir herauskitzeln, nachdem sie jede (!) einzelne (!) Seite (!) meines Passes durchgecheckt hatte und den Einreisestempel der Emirate gesehen hatte. „It’s a nice city“, habe ich geantwortet. „Have you been there?“. Sie sah nach meiner Antwort aus wie Grumpy Cat. Ironie versteht hier halt echt keine Sau…

Dieser Beitrag wurde unter Meinung, Reise abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.