„Frauentausch mit Zschäpe, oder was?“

Anstatt sich (berechtigt) über den dubiosen Vergabeprozess der Sitze zu beschweren, stellen Medienmacher lieber die journalistische Integrität ihrer Kollegen in Frage. Hier eine Sammlung von Kollegen-Bashings und mein Senf dazu.

„Was machen diese Medien überhaupt in der Verlosung?“, fragt ein Nutzer in einer Facebook-Diskussion, der übrigens Journalist ist. Ja. Wie können sie es nur wagen, diese niederen Schreiberlinge, sich bei einem offenen Akkreditierungsverfahren zu bewerben. In den Qualitätskeller hätten sie sich einsperren und den Schlüssel dann verschlucken sollen. Welt-Chef Jan-Eric Peters drückt es ein bisschen netter aus, der Tenor ist aber ähnlich: „Der wichtigste Prozess in diesem Jahr in Deutschland, und die drei großen überregionalen Qualitätszeitungen des Landes sind anders als etwa das Anzeigenblatt ‚Hallo München‘ ausgeschlossen – das ist doch absurd. Wir prüfen eine Klage.“ Es ist durchaus berechtigt, die Frage zu stellen, warum die Welt keinen Platz bekommen hat – Diese Frage mit dem Platz eines anderen Mediums zu begründen weniger.

Ein anderer Journalist schreibt auf Twitter: „Kommt jetzt Frauentausch mit Zschäpe, oder wie?“. Erstens: RTL2 produziert Frauentausch nicht selbst, sondern kauft es bei Produktionsfirmen wie Prisma. Eine Akkreditierung des Senders hat also nichts mit den Geißens und ebenso wenig mit dem Dschungelcamp zu tun (Welches übrigens auf RTL läuft, wenn ich mir den Hinweis erlauben darf). Und für die ARD sitzt ja auch nicht Florian Silbereisen im Gerichtssaal. Zweitens: Auch RTL2 hat Nachrichten und Reportageformate. Die Themensetzung ist diskutabel, aber solange diese journalistisch korrekt aufbereitet werden, besteht kein Grund die Integrität der dort arbeitenden Kollegen in Frage zu stellen. Schließlich ist auch ein Magazin MIT Akkreditierung auf einen Herren wie Tom Kummer rein gefallen. No offense…

Wer Journalist ist und wer nicht definiert sich über seine Arbeitsweise und nicht über die Finanzierungsmethode seines Mediums. Auch in Anzeigenblättern ist so etwas möglich. Und in einem Paralleluniversum beschwert sich gerade ein Ressortleiter in einer Talk-Runde, dass wieder „nur die Qualitätsmedien eine vernünftige Berichterstattung über den NSU-Prozess geliefert hätten.“ In diesem Paralleluniversum hatten alle Nicht-Qualitätsmedien (mein Vorschlag für das Unwort des Jahres) keinen Platz im Saal bekommen und mussten ihre Beiträge ausschließlich mit Agenturmaterial bestücken.

Seit ein paar Stunden macht auch ein Artikel auf Brigitte.de die Runde. Darin wird Anja Sturm portraitiert, die Anwältin von Beate Zschäpe. Viel diskutiert ist folgendes Zitat: „Sie trägt hochhackige Schuhe zum schwarzen Designerkostüm, die Lippen knallrot, die blonden Haare kurz.“ Ein astreine Bananenflanke für selbsternannte Qualitätsjournalisten: Natürlich bezieht sich die Brigitte wieder mal nur auf oberflächlichen Beauty-Kram. Da muss man den Rest des Dreiseiters gar nicht mehr lesen. Schade. Denn dort finden sich auch Sätze wie: „Die Frage, ob ein Mandant schuldig ist oder nicht, ist für jeden Verteidiger, der seine Sache gut machen will, völlig irrelevant. Es geht nur darum, die Rechte des Angeklagten gut wahrzunehmen.“
Das Schlagwort „Schuhe“ im Texteinstieg wird nur allzu schnell zu „Frauenmagazin“, dann zu „Brigitte“ und schließlich zu „kein Plan von nichts“.
Punkt 1: Liebe Kollegen, habt Ihr noch nie das Auftreten einer Person in einer Reportage beschrieben? Wenn die Lippen rot sind, sind sie rot. Wenn die Schuhe klappern, dann klappern sie. Und sie klappern in der Brigitte genau so laut wie in der SZ oder dem Spiegel. Ich empfehle dazu dieses Spielchen von Stefan Niggemeier.
Punkt 2: Die Assoziation „weibliche Zielgruppe bedeutet dumme Inhalte“ ist sexistischer als alle FDP-Fraktionsvorsitzenden seit Ende des 2. Weltkrieges zusammen.
Punkt 3: Der Spiegel über Zschäpes Anwältin: „Blond, schick, charmant, impulsiv und rational … mit einem ansteckenden Lächeln im Gesicht…“ (Mit Dank an @astefanowitsch)

Nochmal: SZ, Welt, RTL, taz, FAZ und Landlust etc. BRAUCHEN einen Platz. Aber dafür muss nicht die Brigitte den Stuhl räumen, sondern die Pressearbeit des Oberlandesgericht besser werden.

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