Falsche Gebote. So nicht, Kissler!

Cicero-Autor Alexander Kissler stellt treffend fest, dass die Medien in der Krise stecken. Er will sie retten. Und zwar mit sechs Geboten für besseren Journalismus. Ich widerspreche ihm. Vehement.

Punkt 1: Was ist falsch am Werkzeugkasten?

Kissler schreibt: „Viele Menschen werden in audiovisuellen Medien zum bloßen Augenfutter, zur Gefühlsattrappe oder gar zum derb vorgeführten „Ekelpaket“. Damit spielt er vermutlich auf RTL-Prime-Time-Sendungen an. Aber was haben diese Formate mit Journalismus zu tun? Und was suchen sie in diesen Geboten?
Was den Journalismus angeht, übertreibt Kissler maßlos. Menschen sind nun mal an Menschen interessiert. Das ist die Essenz unserer Gesellschaft. Menschen, die nicht an anderen Menschen interessiert sind, gelten nicht ohne Grund als krank. Man nennt sie Autisten.
Ich stimme Herrn Kissler jedoch insofern zu, dass kein Mensch „reines Werkzeug zur Quotenmaximierung“ sein sollte. Aber was ist falsch an Straßenumfragen? Sie zeigen eben was NICHT-Journalisten über bestimmte Sachverhalte denken. Und da der Autor selbst in Punkt 5 ausführt, dass Redaktionen sich „zu geschlossenen Soziotopen entwickelt“ haben, tut das der Berichterstattung durchaus mal gut.

Punkt 2: Verkündermaske

Kissler schreibt: „Nicht alles, was geschieht, drängt zur sofortigen Kommentierung, noch dazu im falschen Gewand des Berichtes.“
Ich bin d’accord. Auch wenn ich differenzieren würde. In der Tagesschau würde mich der erwähnte „erzkonservative Hardliner“ ebenfalls stören. In der „heute“-Sendung weniger. Ich schalte die Tagesschau ein, weil sie mir einen Überblick verschafft. Und „heute“, weil es mir Orientierung bietet. Meinung ist okay. Solange sie als solche zu erkennen ist.

Punkt 3: Egoprobleme

Kissler schreibt: „Unter dem Druck der Netzwerke und des Sofortjournalismus aber spreizt sich mancher Autor größer, als es ihm und der Wahrheit gut tut.“
Korrekt, Kissler. Wenn da nur nicht wieder dieser äußerst menschliche Drang nach Orientierung wäre. Wir hören lauten Menschen eben eher zu, als schüchternen. Wichtig ist eher deren Integrität und Glaubwürdigkeit, als deren Ego.

Punkt 4: User Generated Content

Kissler schreibt: „Internetfilmchen mit brennenden Häusern und schreienden Menschen sind aber lediglich Authentizitätsjetons, deren Wahrheitsgehalt umstritten ist.“
Hier stellen sich mir als Nachwuchsjournalist die nicht vorhandenen Barthaare zu Berge. Die Tagesschau hat nicht überall auf der Welt Korrespondenten. Das ist Fakt. Das geschieht aus Kostengründen, oder eben auch aus Vorsicht. Syrien ist eben im Moment ein ziemlich heißes Pflaster.
Aber Menschen, seien sie auch noch so arm, haben mittlerweile Smartphones und Internet. Youtube und Twitter sind das größte Geschenk, was der Nachrichtenjournalismus in den letzten Jahren bekommen konnte. Warum sollte so etwas verteufelt werden? Eine Syrienberichterstattung ohne Youtube-Clips würde sehr schnell zur Verlautbarungsmaschine für das Assad-Regime mutieren.
Ja, Herr Kissler, es ist schwer, die Authentizität der Videos zu verifizieren. Aber unterschätzen sie nicht ihre Kollegen. Mitarbeiter der „Grotte“ beim ZDF kennen jeden Straßenzug in Homs auswendig – auch wenn sie selbst noch nie da waren. In dieser Hinsicht habe ich großes Vertrauen in die Kollegen, dass sie alles daran setzen, nicht auf Fälschungen reinzufallen.
Nichtsdestotrotz: Es ist absolut nichts Schlimmes daran zuzugeben, dass der Wahrheitsgehalt nicht 100%ig zu überprüfen war. 95% reichen aus. Es ist eine Nachricht. Nachrichten sind wichtig. Das hat etwas mit offener und fließender Recherche zu tun. Journalisten, die sich gegen die Falsifizierung und Verifizierung der eigenen Arbeit durch das Publikum stellen, haben nicht bemerkt, in welchem Zeitalter wir leben.

Punkt 5: Biotope

Kissler schreibt: „Viele Redaktionen haben sich zu geschlossenen Soziotopen entwickelt. Man schreibt eher für die Kollegen als für die Leser, weil man auf Kollegenlob aus ist.“
Ja. Zustimmung. Aber dank diesem Internet ist der Rückkanal schneller geworden. Lesermeinung wird wichtiger. An den Biotopen wird sich etwas ändern. Bald schon.

Punkt 6: Erwachsen werden

Kissler beschreibt eine „flächendeckende Infantilisierung“ und führt das Beispiel einer Kuh im „heute journal“ des ZDFs an, welche die Finanztransaktionssteuer erläutern sollte.
Was ist falsch an dieser Kuh? Was ist falsch am einfachen Erklären? Ist es nicht die große Kunst des Journalismus komplexe Sachverhalte einfach zu erklären? Jeden Tag zerbrechen sich Redaktionen in dieser Republik den Kopf darüber, wie sie Dinge einfach und verständlich erläutern können. Das ist richtig so. Denn vor allem das „heute journal“ ist immer noch ein Massen-Format. Und solange es ein Massen-Format und nicht der Harvard Business Manager ist, ist auch eine Kuh in Kombination mit der Finanztransaktionssteuer okay.
Solchen „kindlichen“ Stunts von Redaktionen sollte man eher dankbar sein, weil sie das Publikum für gewisse Themen sensibilisieren, aus denen sie sonst nach drei Sekunden aussteigen würden. Die Kombination aus „Finanztransaktionssteuer“ und einer schlecht gelaunten Angela Merkel im Bild wirkt nun mal abschreckend – egal wie sehr man sich dafür interessieren mag.
Ja, der ein oder andere Akademiker mag sich auf den Schlipps getreten fühlen. Aber solche „Kindereien verstoßen“ NICHT „gegen die Würde des Publikums.“ Die überwiegende Mehrheit wird sich freuen dieses fürchterliche Wort (Finanztransaktionssteuer) endlich mal verstanden zu haben. Ich stelle diese These auf, ohne sämtliche ZDF-Zuschauer nach ihrer Meinung zur besagten Kuh gefragt zu haben.

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