Bangkok. Beben. Hoffnung. Sex.

Der Skytrain hält quietschend an der Station „Phloen Chit“. Die Tür schiebt sich auf und gnadenlose Schwüle flutet den Waggon. Es brodelt, zischt und kracht. Auf der Straße schiebt sich die Blechlawine aus TukTuks und Taxis voran, auf dem Bürgersteig drängen sich die Verkaufsstände. Aus den Nachbarstraßen wummern die Bässe. Es ist 9 Uhr Abends.

9 Uhr, das bedeutet in Bangkok: Warmmachen. Und zwar für alle. Touristen, Backpacker, Einwanderer und Einheimische. Jeder checkt ab, was heute Abend so gehen könnte.

Die Hocker in den Bars links und rechts von der Straße sind nur zur Hälfte besetzt. Auf ihnen sitzen Renter, ältere Herren und gescheiterte Existenzen. Alle kreidebleich – einige mit Sonnenbrand. Die Männer wollen nichts miteinander zu tun haben. Warum auch? Sie sind alleine hier. Ihre Tische weisen zur Straße. Das Schaulaufen beginnt.

Heerscharen an jungen Thai-Frauen stolzieren die Straße rauf und wieder runter. Sie werden geprüft und prüfen selber. Irgendwann setzen sie sich dann neben einen der tausend Europäer allein in dieser Straße: „Hi, how are you?“

Hat man den ersten Ekel überwunden, sollte man den Herren einmal in die Augen blicken. Die wenigsten werden wohl hier sitzen, weil sie auf der Suche nach schnellem Sex sind. Den würden sie auch in Deutschland bekommen. Was sie wohl antreiben mag, ist die Hoffnung. Hoffnung darauf vielleicht doch ein wenig begehrt zu werden. Und das werden sie auch. Thai Mädchen, die sich auf die einsamen Europäer spezialisiert haben sind nicht so aufdringlich wie die Prostituierten am Straßenrand. Sie sprechen die Männer persönlich an und brüllen nicht „Massaaaaaage“ über die ganze Straße. Small-Talk, Knistern, ein bisschen Anfassen. Ja, Sex gehört auch dazu. Später. Zuerst darfst Du mich zum Essen einladen, dann wie eine Trophäe durch die Stadt begleiten. Du bekommst von mir das, wovon du in deiner Heimat seit Jahren träumst. Auch die Thai-Mädchen träumen von einem besseren Leben in Europa – die Werbung ist schuld. Ein paar Meter weiter das selbe Spiel – nur umgekehrt. Hier warten europäische Frauen mittleren Alters auf den gut gebauten Thai-Boy.

Eigentlich ist Prostitution in Thailand illegal. Trotzdem soll es etwa 400.000 Prostituierte geben – männlich und weiblich – knappe 40.000 davon sind minderjährig. Schert hier irgendwie keine Sau. Bangkok ist ultra-sexualisiert. Jeder denkbare Fetisch springt einem hier direkt ins Gesicht. Vor allem die Ladyboys, die hier das anerkannte dritte Geschlecht sind. Das Fernsehen strahlt sogar live den Ladyboy-Schönheitswettbewerb aus – vor einem Millionenpublikum. Man erkennt die Transvestiten relativ leicht an ihrer Größe und an ihren schmalen Hüften – naja, und wenn sie eben den Mund aufmachen.

Keine 200 Meter von den verlorenen europäischen Seelen geht es um richtigen Sex. Dutzende von Mädchen sitzen auf der Straße. Hier ist man offensiv. Kunden bedeuten Kohle. Je mehr, desto besser. Die Prostituierten sind so aufdringlich dass Bars ihren Außenbereich mit Zäunen und großen Schildern abgesperrt haben: „No skirts, No touching, No prostitutes“. Promoter rennen jedem Touristen mit Angebotskatalogen hinterher. „Look! Look! Good Girls!“.

„You like Toilet sex?“ brüllt mir ein magerer Thai von der Seite zu. Ich will eigentlich weiter gehen, dann treibt mich die Verwirrung: „It’s more comfortable in the bed…“ Er: „No, no, Sir! I mean using her as a toilet.“ Kein weiterer Kommentar.

Das Brodeln und Beben der späten Nacht betäubt die Sinne. Die Hitze hämmert auf den Kopf ein, die Straßenverkäufer auf die Ohren und der Smog auf die Sicht. Wie in Trance bahne ich mir meinen Weg durch die Nachtmärkte. Vorbei an betrunkenen Backpackern, dicklichen Europäern und hunderten an Prostituierten. Rein in den Skytrain. Klimaanlage. 20 Grad. Ein Traum.

Bangkok ist Sex. Bangkok ist Metropole. Bangkok ist Backpacking und Party pur, aber auch Auffangbecken für verlorene Seelen. Bangkok bedeutet auf Thai „Stadt der Engel“. Vielleicht, weil sich hier so viele Menschen auf die Suche begeben. Wer weiß, ob sie das auch finden. Unsere Sprache hat nicht genug Adjektive um diese Stadt auch nur ansatzweise zu beschreiben. Zum Glück gibt’s Mathematik!

(Lissabon + Amsterdam)^5 + (35° * (100% Luftfeuchtigkeit + 130 Dezibel)) = Bangkok

Filmempfehlung: Same Same. But different.

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